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Palästina -
ElAzariya,
8.12.2004

Einzug nach Jerusalem
Roswitha
Von Jericho nach Jerusalem ging es kontinuierlich
bergauf. Wir waren erstaunt, wie wenig wir aus der
Puste kamen. Das mußte an dem hohen Sauerstoffgehalt
der Luft liegen, Jericho liegt etwa 200 Meter unter
dem Meeresspiegel.
Nach dem ersten Paß tauchten Wohnbaracken von Beduinen
auf. Sie lebten in den Bergen abgeschnitten von
jeder städtischen Strom- und Wasserversorgung ihr
eigenes Leben.
Etwa 15 Kilometer vor Jerusalem zweigte eine neue
Autobahn von unserer Straße ab. Man konnte von
weitem den steilen Anstieg am Berg sehen. Wir zogen
die östliche Straße über El Azariya vor, um nach
Jerusalem zu gelangen.
Nach unserer israelischen Landkarte waren El Azariya
und Jerusalem so sehr aneinander geklebt, daß der Übergang
fließend sein sollte. Die Hauptstraße aus Jericho sollte
direkt zur Altstadt führen. Es gab viel Verkehr.
In El Azariya verdichtete er sich noch um einiges.
Das Leben war bunt und hektisch. Ein Laden löste
den anderen ab, eine Werkstatt die andere. Hier wurde
gebohrt, geschweißt, dort gehämmert, Autos rangiert.
Von kleinen Straßenrestaurants quollen Rauchschwaden
empor, der Geruch von gebratenem Fleisch zog in die
Nase. Rufe von Kaufmännern ertönten von allen Seiten
und vermengten sich mit dem restlichen Straßenlärm.
"Willkommen in Jerusalem", ruft man uns zu. Ohne es
zu merken, hatten wir Jerusalem erreicht.
Wir glaubten, schon fast im Zentrum zu sein,
als sich plötzlich hinter einer Straßenbiegung eine etwa
8 Meter hohe, graue Wand aus Steinplatten vor uns erhob.
Sie versperrte nicht nur jegliche Weiterfahrt über unsere
Straße, sondern zog sich auch durch die bebaute Fläche
zu beiden Seiten davon entlang.
Ich war schockiert. Wie sollten wir nun nach Jerusalem
hineinfahren. Die einzige Möglichkeit schien die Autobahn
zu sein, die wir etwa 15 Kilometer vor Jerusalem erblickt
hatten.
Gerade als wir anfingen, laut über die israelische Politik
zu schimpfen, sprach uns ein älterer Herr in Anzug und
Krawatte an. Er saß mit einem Freund in dem Cafe gegenüber
und versprach, uns zu helfen.
Er war ein Hotelbesitzer, dessen Haus beim Mauerbau genau
im Weg stand. Der Eingang wurde zugemauert. Die Garage
zeigte in die andere Richtung. So wurde für ihn ein Tor
in die Mauer gebaut. Er bekam den Schlüssel und durfte
ein- und ausgehen. Für alle anderen war die Mauer eine
unüberwindliche Grenze.
Wir hoben die Fahrräder über Erdhügel und Mäuerchen, bis
wir uns auf dem Grundstück des Hotelbesitzers befanden.
Ein Weg führte bis zum Tor. Nachdem gerade zwei
Militärfahrzeuge auf der anderen Seite vorbeigefahren sind,
ließ er uns passieren. Ein Stein fiel mir vom Herzen.
Wie durch ein Wunder hatten wir es auf die andere Mauerseite
geschafft. Aber hier auf der anderen
Seite der Mauer war es ruhig und leblos. Die Straßen waren
wie ausgestorben. Kaum ein Auto fuhr auf der Straße. Nur
ein paar Kinder streunten zwischen den Wohnhäusern herum.
Erst als wir den nächsten Hügel hinaufgeklettert waren,
von wo aus man auf die Stadtmauer der Altstadt und die goldene
Kuppel des Felsendoms blicken
konnte, erwachte Jerusalem zu neuem Leben. Touristenbusse
stauten sich vor einer Kreuzung, und die Besucher einer
Moschee strömten vom Gebet in ihren Alltag, der Verkehr
verlief stockend.
Wir reihten uns in die Autoschlangen ein, fuhren hinunter ins
Tal, um den nächsten etwa 15 prozentigen Hügel in Angriff
zu nehmen, auf dem sich der uralte geschichtsträchtige
Kern der Stadt befand.
© R. Mosler