Episoden aus allen Ländern

Unsere Reise führte uns bisher durch 31 Länder und Meere. Von jedem dieser Teile des Globalen Dorfes nahmen wir besondere Erlebnisse und Erfahrungen mit auf unseren weiteren Weg. An dieser Stelle beschreiben wir in Form von Episoden solche Begebenheiten aus jeweils einem Land. Die Flaggen führen jeweils zu der Geschichte des entsprechenden Landes:

Deutschland  Tschechien  Österreich  Slowakei  Ungarn  Kroatien  Bosnien und Herzegowina  Italien  Tunesien  Mittelmeer  Israel  Palästina  Zypern  Türkei  Syrien  Jordanien  Ägypten  Sudan  Äthiopien  Djibouti  Rotes Meer  Jemen  Kenia  Indischer Ozean  Tansania  Uganda  Ruanda  Sambia  Botsuana  Namibia  Südafrika 

Kälte

 Deutschland -  Kalt war es in Deutschland im März. Und ich wagte kaum, die erste Nacht, nach unserer Losfahrt im Zelt zu schlafen. Es war unter null Grad. Wir befanden uns im Bergischen Land. Zwischen den dünnen Stämmen kahler Laubbäumen, deren Sommerkleid nun vertrocknet und mit Schnee überdeckt auf dem Waldboden verrottete, fand Roland ein Plätzchen für die Nacht.
 
 Mir waren die Hände trotz dicker Handschuhe eingefroren, und ich machte Fingergymnastik, um sie aufzuwärmen. Dasselbe geschah mit meinen Zehen. Roland schob die Räder samt des Anhängers durch das Gehölz neben eine kleine Gruppe von Tannen. Dort wollten wir das Nachtlager aufbauen.
 
 Beim Rumhantieren wurde es wärmer. Dazu gebrauchte man andere Muskeln als beim Fahrradfahren, so wurden nun auch die vernachlässigten Körperteile durchblutet. Schnell war das Zelt aufgebaut. Wir stellten die Taschen in den Eingang. Wenn es in der Nacht schneien sollte, blieben sie dort trocken. Auch weiß man nie, wer sich des Nachts in den Gefilden herumtreibt. Als wir uns in unsere dicken Schlafsäcke kuschelten, wurde es auch mir bald warm. Und wir schliefen.


Grenzen

 Tschechien -  Es ist schon seltsam. Man passiert die erste Landesgrenze auf einer Weltreise und spürt ein wenig Unruhe und ein Kribbeln. Es ist der erste Schritt fort, weg von dem Vertrauten und Liebgewonnen, hinein ins Ungewisse. Diesen Schritt würde ich demnächst noch viele Male tun. Ich hatte mich für die Weltreise entschieden und würde davon nicht abrücken. Also wozu diese Sentimentalität?
 
 Die leichte Erregung, die ich bei der Überschreitung der deutsch-tschechischen Grenze spürte, ist bis heute nicht von mir gewichen. Jedes Mal wenn ich ein neues, unbekanntes Land betrete, mit dem Fahrrad mehr als mit anderen Verkehrsmitteln, überkommt mich eine gewisse Sorge vor dem Unbekannten und dem Unberechenbaren. Wie werden die Menschen auf uns reagieren? Gibt es genug zu Essen und zu Trinken auf unseren Wegen? Könnten uns Tiere überfallen? Wie rücksichtsvoll sind die Autofahrer hier? Doch diese Ungewißheit macht auch einen Reiz des Fahrradreisens aus. Es ist nicht alltäglich, gleichförmig und berechenbar. Doch mit Spontanität und schneller Auffassungsgabe kann man vielen gefährlichen oder zumindest unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen.



Tina

 Slowakei -  Wir sitzen in einem Cafe in der Hochhaussiedlung von Preßburg. Es befindet sich in einem der Geschäftsräume im Parterre. Wir haben unsere Räder vor die Scheiben gelehnt, so können wir von innen auf sie sehen. Tina bedient in dem Cafe und bringt uns zwei Nescafe aus dem Automaten. Ihre unkomplizierte, offene Art bringt uns bald in ein Gespräch mit ihr. Wenn sie nichts zu tun hat, sitzt sie bei uns am Tisch und raucht eine Zigarette. Sie wirkt etwas nervös und gehetzt.
 
 Als sie erfährt, daß wir noch keine Bleibe haben, läd sie uns kurzerhand zu sich ein. "Ich habe nur eine kleine Wohnung, doch wenn es für Euch reicht ..." Sie telefoniert, und kurze Zeit später kommt ein etwa siebzehnjähriges Mädchen herein, ihre Tochter. Sie soll uns in die Wohnung im ersten Stock führen. Tina kommt später, sie muß noch arbeiten. Wir packen die Fahrräder in den geräumigen Fahrstuhl und stellen sie oben im Hausflur ab. Barbara räumt die Plüschtiere von ihrem Bett, in ihrem Zimmer sollen wir heute schlafen, während sie zu Mama auf die Couch ins Wohnzimmer klettern wird. Spät am Abend kommt Tina zurück. Sie macht Essen und holt eine Wodkaflasche aus dem Schrank. "Heute ist mein Geburtstag", sagt sie. Wir stoßen auf ihr neue Lebensjahr an. Im Hintergrund laufen Musikvideos im Viva-Kanal.



Flugzeit

 Österreich -  In Österreich machten wir nur eine Stipvisite. Wenn das Land im Allgemeinen wegen seiner Berge als nettes Urlaubsziel bekannt ist, besuchten wir die Ebene im Osten des Landes, die platt war wie eine Bratpfanne. Wir hatten günstige Fahrradbedingungen. Rückenwind, makellose Straßen mit erträglichem Verkehr. Das feuchtkalte Wetter gab seinen Teil dazu. So rasten wir mit hohem Tempo gen Süden, fast immer von einem Meer aus grünen Feldern umgeben. Wir scheuchten Rebhüher auf, die neben der Straße saßen und eine so perfekte Tarnung hatten, daß wir sie erst direkt vor unseren Nasen erblickten. Auch Storche und weiße Reiher stolzierten durch die Felder, doch in sicherer Entfernung zur Straße.
 
 Zweimal passierten wir einen Zipfel von Österreich, mit einem kurzen Abstecher ind die Slowakei und nach Ungarn, die auf dem Weg lagen. Bei der zweiten Passage querten wir den Neusiedlersee mit einer Fähre. Die salzige Luft erinnerte mich an die Nordsee. Viele Wasservögel tummelten sich hier, und Kaninchen gab es in Hülle und Fülle. Bis zur nächsten Grenze fehlten uns nur noch ein paar Kilometer.



Ungarischer Wein

 Ungarn - Als wir nach Ungarn kamen, war es Frühling. Bunte Tulpen blühten vor den aufgeräumten Häuschen der Menschen. Die Bäume und Sträucher waren in zartes Weiß und Rosa getaucht, das frische Grün der ersten Knospen schimmert an den dürren vom Winter gepeitschten Zweigen.
 
  Auf den Straßen waren wir nun nicht mehr allein, in Ungarn ist Radfahren Volkssport. An einer Tankstelle, an der wir wegen einer Landkarte hielten, parkten noch zwei weitere Räder. Das eine gehörte dem Tankwart, das andere einem Kunden, der gerade Benzin für seinen Rasenmäher holte. Am Sonntag stapeln sich die Fahrräder vor den kleinen Dorfkirchen und anschließend vor der Bar, wo ein eisgekülter Roter gekippt wird.
 
Ungarn sind wie der Wein gemütliche und etwas scheue Menschen. Sie sind neugierig, korrekt und ordnungsliebend. Aber sie bewohnen ihr anmutiges Land nicht alleine. Daneben gibt es noch das mehr oder weniger seßhaft gewordenen Nomadenvolk der Roma. Viele Ungarn verziehen das Gesicht, wenn sie von den "Wilden" sprechen. Und tatsächlich erkennt die Romadörfer meist schon auf den ersten Blick. Die Häuser sind ungepflegt und in einem schlechteren Zustand als die der Ungarn, doch die Menschen sitzen vor den Häusern, an der Straße. Ihre Haut ist dunkler und die Frauen tragen bunte, weite Röcke, doch die Freundlichkeit der Roma ist nicht weniger herzlich als die der anderen Bewohner des Landes.



Kriegswehen

 Kroatien - Kroatien hat mich durch seine landschaftliche Vielfalt überrascht. Schon im Norden, in Slavonien empfängt einen eine wunderschöne Auenlandschaft. Es hat zehn Tage am Stück geregnet, bevor wir in dem Gebiet eintrafen. So stand das Wasser der Sava hoch, viele Wege waren überschwemmt, selbst Fußballfelder standen unter Wasser.
 
  Wir wollten von einem Bauern Eier kaufen, doch bevor wir sie bekamen, sollten wir erst einen Kaffee mit dem alten Mann trinken. Dabei erzählte er uns von seinem Schwiegersohn. Seit vielen Jahren entschärfte er Minen im ganzen Land und kam nur alle paar Monate für kurz nach Hause. Auch seine Frau war berufstätig und so lebte die kleine Tochter, die mit ihren Augen mehr erzählen konnte, als andere mit Worten, bei den Großeltern. Sie vermißte den Papa sehr. "Minenentschärfen ist ein gefährlicher Beruf, viele sind dabei schon ums Leben gekommen", sagte der alte Mann und goß uns den nächsten Kaffee ein.
 
 Am nächsten Tag zogen wir weiter und zielten auf zweifellos eines der großen Wunder der Natur, die Plitwitzer Seen. Hunderte von Wasserfällen und Katarakten verstecken sich hinter den bewaldeten schroffen Hängen des Karstgebirges und zeigen sich in immer neuen Ausprägungen. Die stufenförmig aneinandergereihten Seen ziehen sich über mehrere Kilometer hin. Minibusse karren Touristen durch das weitläufige Gebiet, doch zu dem letzten großen See fahren sie nicht mehr. Dort zelteten wir neben der Ruine eines verlassenen Hauses an einem Hang mit Seeblick. Kein Mensch störte unsere Ruhe hier. Nur ein Reh brachte uns vor dem Schlafengehen einen Gute-Nacht-Gruß.



Gastfreundschaft

 Bosnien-Herzegowina -  Der Himmel war verhangen von grauen Wolken, es regnete, als wir an der Grenze zu Bosnien ankamen. Durchgenäßt wie wir waren, machten wir wohl keinen vertrauensseligen Eindruck auf den Grenzbeamten, so daß er sich ernstlich zu überlegen schien, uns einer eingehenden Zollkontrolle zu unterziehen. Schließlich begnügte er sich mit einer Beschreibung, all dessen was in unseren Taschen zu finden war und einer kleinen Stichprobe.
 
 Auf der anderen Seite standen wir vor einer Moschee. Wir befanden uns in einem der wenigen moslemischen Länder Europas. Das erste was wir anstrebten, war ein Cafe, wo wir uns klein wenig aufwärmen wollten. Von dort aus wollten wir auch Erkundigungen nach möglichen Schlafstätten für die Nacht anstellen.
 
In Cafe schlossen wir schnell Bekanntschaft mit ein paar Besuchern. Einer der Männer fragte, wo wir diese Nacht bleiben wollten. Als wir mit den Achseln zuckten, sprang er auf und bat uns, hier auf ihn zu warten. Er wolle nur seine Frau fragen, ob sie damit einverstanden sei, daß wir bis morgen in seinem Haus blieben. Wenige Minuten später kehrte er strahlend zurück und half uns, unsere Räder in seine Garage zu fahren.


Dolce Vita

 Italien -  In Italien hatten wir das Gefühl, Urlaub zu machen. Es war angenehm heiß, wir wechselten von Winterfahrradbekleidung auf die feschen Sommertrikos und kurzen Hosen. Nach der kulinarischen Fastenzeit in Kroatien kam uns Italien wie ein Paradies vor. Wir stürzten uns auf die gigantischen Vorstadtsupermärkte, wo wir erlesendste Eßwaren in Hülle und Fülle fanden. Vollbepackte Einkaufskörbe schoben wir hinaus zu unseren Fahrrädern, wo in den Packtaschen vieles verschwand. Der Rest fand eingeklemmt unter Gummis Platz für die Fahrt zum nächsten Zeltplatz.
 
 Wir genossen die Wärme, den Wind und das Meer. Oft machten wir einen kurzen Halt, nur um uns in den Wellen des Meeres zu erfrischen. Zelten konnte man fast überall. Ob am Strand, auf Olivenplantagen oder Wiesen, auf Bergkuppeln oder im Wald. Die Italiener sind gemütliche Menschen, sie haben einen Sinn für die Natur und können Vagabunden wie uns im Herzen verstehen.
 
 Viele Alte schwärmen von ihren kleinen Schrebergärten, wo sie auf kleinstem Raum zig verschiedene Gemüse- und Obstsorten kultivieren. In der Stadt verweilen sie auch gerne auf der "Piazza", dem großen Platz oder Park, der sich im Zentrum fast aller süditalienischen Städte befindet. Dort treffen sich die Alten am Abend, wenn es kühler wird, zu einem Plausch oder nur um Herumzusitzen. Auch die Straßencafes sind dann übervoll. Es ist vor allem eine Tradition der Männer, die öffentlichen Lokale zu besuchen, das Neuste vom Tage zu hören und die vorbeiziehenden Passanten zu beobachten. Wahrscheinlich geht dieser Brauch auf arabische Wurzeln zurück.



Oase des Glücks

 Tunesien -  Abseits des Touristentrubels hat man Gelegenheit, das wahre Gesicht Tunesiens kennenzulernen. Da gibt es Menschen in farbenfrohen Berbertrachten. Die weiten Berglandschaften und ungewöhnlichen Höhlenwohnungen haben bereits mehreren Regisseuren als Filmkulissen gedient. Die Dattelplantagen und die unendliche Weite der Salzpfannen im südlichen besiedelten Land sind gleichsam das Tor zur Sandwüste der Sahara.
 
 Wir hatten Gelegenheit, am Leben einer tunesischen Großfamilie teilzunehmen, und so lernten wir ihre Liebenswürdigkeit und Gefühlsbetontheit schätzen. Die Gemeinschaft ist hier das wichtigste Gut. Musik und Tanz helfen den Menschen, die Alltagssorgen zu vergessen. Obwohl Einflüsse der Moderne überall zu spüren sind, ist der Lebensgang in den kleineren Orten kaum davon berührt. Alles scheint so zu sein wie vor hundert Jahren.  Die Männer spielen weiterhin Karten in den Cafes und rauchen Wasserpfeife, die in Tunesien besonders gut ist, während die Frauen das tägliche Brot in Lehmöfen backen. Nur an Äußerlichkeiten kann man eine Veränderung spüren. Die jungen Frauen tragen heute europäische Kleidung und ihre Gesichter weisen keine Stammestätovierungen mehr auf. Auch gehen heute alle jungen Mädchen zur Schule. Das war nicht immer so.
 
Bildung wird heute in Tunesien ganz groß geschrieben. Fast jede Schule in Tunesien verfügt mittlerweile über einen eigenen Internetanschluß. Die Regierung tut eine Menge für die Bevölkerung, und im allgemeinen mögen die Menschen ihren Präsidenten. Auch im Straßenbau wird wie wild gearbeitet. Wasser- und Stromleitungen werden angelegt, selbst in abgelegensten Dörfer. Kaum zu glauben, daß etwa 60% des Bruttosozialproduktes aus dem Tourismus geschöpft werden.


Kreuzfahrt

 Westmed -  Durch großes Glück bekamen wir eine Mitfahrgelegenheit auf einem 170 Meter langen Frachtschiff von Tunis nach Haifa. Die drei Tage unserer Reise gestalteten sich wie eine Kreuzfahrt für uns. Wir wohnten in der Kabine des Eigentümers und speisten täglich am Tisch des griechischen Kapitäns, der einen Wert auf gutes Essen legte. Pünklich um 10 Uhr und um 3 Uhr nachmittags servierte der Steward uns je eine Tasse Kaffee in der Offiziersmesse.
 
Weil die See so ruhig war, ordnete der Kapitän Barbecue für den nächsten Abend an. Dies sorgte für Aufregung bei Koch, "Da hab ich wieder mehr zu tun", stöhnte er. Doch am Abend war er wie alle anderen glücklich über die Anordnung des Kapitän. Alle saßen gemütlich beisammen, ließen sich das üppige Mahl schmecken und plauderten. Und der erste Ingenieur, ein Grieche, ließ es sich nicht nehmen, dem rumänischen Koch und dem philipinischen Stewart beim Grillen unter die Arme zu greifen.




Und ihr Wille geschehe

 Palästina - Mitten in Palästina erhebt sich eine Mauer vor Dir und versperrt Dir den Weg. Du bist auf einer Landstraße, einer Hauptverkehrsader und Dir wird klar, warum der Verkehr seit der letzten Kreuzung abgenommen hat. Hinweisschilder auf die Mauer gab es keine. Offiziell gibt es keine zugemauerten, versperrten oder aufgerissenen Straßen in Palästina.
 
 Wir stehen auf der nördlichen Einfallstraße nach Jericho, es ist ein Seitenarm von der Landstraße 90 die im Jordantal von Nord nach Süd verläuft. Ein Meter hohe Betonquader versperren den Weg. Dazwischen kann sich gerade ein schlanker Mensch hindurchzwängen. Ein Schild mit großen, hebräischen Buchstaben scheint über etwas höchst Wichtiges zu informieren. Wir verstehen kein Hebräisch, aber wir sehen einen hohen Wachturm unweit der Absperrung. Als wir uns der Absperrung zu Fuß, ohne Fahrräder nähern, kommt eine leichte Bewegung in der Kabine des Wachturms auf. Doch es ertönt kein Laut. "Nicht, bleib lieber stehen", rufe ich Roland besorgt zu, der neugieriger Weise ein Paar Schritt näher an die Blockade trat.
 
 Wir mußten einen weiten Halbkreis um Jericho herum ziehen. An der südlichen Einfallstraße gab es einen Kontrollpunkt. Dort durften Touristen passieren. In Jericho trafen wir einen Franziskanerpater, der schon seit vielen Jahren hier lebte. Ihm erzählten wir von der Begebenheit vor den nördlichen Zufahrt der Stadt. Er hörte aufmerksam zu, dann stimmte er uns zu. Es sei gut gewesen, daß wir nicht versucht hatten, durch die Absperrung in die Stadt zu gelangen. "Wenn die glauben, etwas tun zu müssen, dann tun sie es meist auch, Erklärungen findet man notfalls hinterher", meinte der Pater und lächelte hilflos.


Ungleich

 Israel -  Israel ist ein moderner Staat mit der Geschäftigkeit einer Industrienation. Gläserne Hochhausbauten, übervolle Autobahnen, mit Fahrern, die sich "wie die Hänker" im Straßenverkehr benehmen und saubere, aufgeräumte Vorstadtsiedlungen. Die meisten Juden, die hier wohnen, kamen einst aus Europa und Nordamerika. Viele Russen fanden den Weg hierher, wegen des Geschäfts, sagt man. So sieht man in den Städten oft große Schilder mit russische Reklametafel. Die Straßenschilder der Autobahnen sind meist zweisprachig, manchmal fehlt jedoch auch die arabische Übersetzung.
 
 Obwohl gern verschwiegen ist der größte Anteil der israelischen Bevölkerung arabischer Herkunft. Palästinenser und Juden leben in der Regel in Ghettos nebeneinander. Letzere wollen oft mit den "Schmutzfinken" nicht viel zu tun haben. Es gibt getrennte Schulsysteme und beruflich erfolgt auch meist eine Trennung. Araber werden bei gleicher Arbeit in der Regel schlechter bezahlt als Juden oder sie bekommen erst gar nicht die gewünschte Arbeit. Die Diskreminierung beginnt schon im Jugendalter. So werden die Pässe von Diskothekenbesucher an der Tür gewöhnlich kontrolliert. Findet man die kleine Kennzeichnung "Araber" im Paß, verwandelt sich das öffentliche Tanzlokal plötzlich in eine private Feier, zu der nur ausgewählten Gäste Zutritt gewährt wird.



Brüder

 Zypern -  Ein zweigeteiltes Land, der Süden zeigt die Geschäftigkeit und das Treiben wie in den modernsten westeuropäischen Staaten. Vor Weihnachten quellen die Fußgängerzonen der Hauptstadt über. Eine Kutsche mit einem verkleideten Weihnachtsmann fährt durch das Gedränge. Der Mann in Rot grüßt die staunenden Kinder. An den Orangenbäume in der Altstadt hängt Weihnachtsschmuck. Alles freut sich auf das bevorstehende Fest.
 
 Im Norden der Stadt ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere. Hier werden nur moslemische Feste gefeiert. In den Straßenrestaurants gibt es Shish Kebab. Der Besitzer ist Türke, wie fast alle die hier wohnen. Touristen aus dem Süden kommen hier vor allem wegen den günstigeren Preisen bei Essen und Kleidung. Fisch sei hier billig, hörten wir jemanden sagen. Der Norden ist seit Jahrzehnen ein besetztes Land. Seit dieser Zeit ist auch kaum ein Handschlag für das Land getan worden. Bis auf die Hauptverbindungsstraßen in die Küstenorte im Norden und im Osten, die nun alle türkische Namen tragen, verkommen die Straßen und Behausungen im nördlichen Teil Zyperns. Omnipräsent ist das Militär, ein Großteil der hier lebenden sind türkische Soldaten.
 
Doch der politische Konflikt kann die Schönheit der Landschaft auf der gesamten Insel nicht beschmutzen. Das milde Klima beschert Zypern die saftigsten Zitrusfrüchte, die man sich vorstellen kann. Doch vor allem im Süden trifft man die überquillenden Gärten der Zyprioten an. Der Norden dagegen ist trostlos.


Sturm

 Türkei - Seit Tagen hatten wir starken Seiten- bis Gegenwind. Schon östlich von Adana fiel das Fahren auf der glatten, aber verkehrsreichen Straße schwer. In einer Senke packte mich der Wind samt des Fahrrades, und ich kippte in den Graben. Ein Glück, daß er nicht von der anderen Seite kam.  An der Weggabelung zwischen Van-See und Antakia legte sich der Wind etwas. Wir waren jetzt durch eine Bergkette geschützt. Der Verkehr ließ jedoch nicht nach, Lkws rasten auf der schmalen Verbindungsstraße nach Iskenderum. Der Seitenstreifen war voller Schotter, doch uns blieb nicht anderes übrig als dorthin auszuweichen.
 
Bevor wir nach Syrien kommen, müssen wir noch über den Hügel zur Linken rüber, hatten wir erfahren. Hinter dem Wirtschaftszentrum Iskenderum begann der Aufstieg. Kurz vor dem Gipfel machten wir Pause, um uns am Feuer eines Pizzabäckers aufzuwärmen.  Wir wurden von anderen Gästen zum Essen eingeladen. Je höher wir stiegen, desto stärker wurde wieder der Wind. Oben konnte ich kaum noch gerade fahren. Wir steuerten ein Cafe in einem Glaskasten an, aus dem man einen herrlichen Ausblick auf die Ebene im Osten der Gebirgskette hatten. Wir konnte die Landstraßen in der Ferne erkennen. Dann tranken wir unseren Tee schnell aus, da es schon spät war.
 
Die Bergstraße wand sich weiter nach Norden, der Sturm nahm zu. Ich stieg von meinem 60 Kilo schweren Rad und schob angesichts meiner Erfahrungen bei Adana. Der Wind drückte uns mal weg von der Straße, mal auf die Fahrbahn hinüber. Immer wieder kam eine besonders starke Böe. Als wir gerade Pause machten, kippte Roland mit seinem 100 Kilo schweren Fahrrad um. Ich wollte keinen Schritt mehr machen. Da hielt ein Kleintransporter zwei Meter vor uns an.
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Beduinen

 Syrien -  "Halt, halt", rufen uns zwei Beduinenfrauen von weitem zu. Winkend kommen sie uns einen halben Kilometer über die Steppe hinterher gerannt. Völlig außer Atem aber strahlend erreichen sie die Straße. "Hallo, bitte, macht Rast in unserem Zelt".
 
 Der Gegenwind hat uns zu schaffen gemacht, und wir sind dankbar für die Einladung. Die Fahrräder bleiben ein paar Meter neben der Straße stehen, während wir mit den beiden jungen Frauen zum Zelt gehen. Dort erwarten uns noch andere junge Menschen, Frauen und Männer, all etwa Mitte Zwanzig. Jemand trägt den Ofen in die Mitte des Zeltes. Wir setzen uns auf die bunten Matten. Der Wind drückt die schweren Stoffe, aus denen die Beduinenzelte gemacht werden, nach innen. Alle freuen sich, und mit Hilfe unseres Wörterbuches bringen wir es zu einer rudimentären Verständigung. Dann kommen Tee und Orangen. Die Frauen schälen sie für uns. Das wird uns Kraft geben für die letzte Etappe nach Tadmor, dachten wir uns.
 
 In der kargen Wüstenlandschaft waren wir fast auf solche freundlichen Einladungen angewiesen. Dort gab es nichts, selbst in den Dörfer konnte man sich nicht richtig verpflegen. Als wir wieder aufbrechen wollten, brachten uns die Frauen wieder zu den Rädern, die wir aus der Ferne erkennen konnten. Von hier wirkten sie wie Miniaturdrahtesel.


Abu Shish

 Jordanien - "Hallo, ich bin Abu Shish, wie ist Dein Name?". Noch kurz davor haben wir den zierlich Mann mit einem Turban auf dem Kopf Flöte spielen gehört. Er saß auf dem Felsvorsprung gegenüber von Kloster Ad Deir, eines der besterhaltenen Grabreliefs in Petra. Nun setzte er sich zu uns ins Cafe und bestellte Tee.
 
 Abu Shish ist jeden Abend hier und musiziert mit seinem Freund, der auf der Gitarre spielt. Er liebt diesen Ort. Früher als die Ruinenstätten noch den Beduinen gehörten, lebte seine Familie mitten zwischen den Altertümern. Doch seit der Staat das Tourismusgeschäft hier in die Hand genommen hatte, blieb für die Ansässigen nicht mehr viel übrig. Sie wurden zwangsausgesiedelt und bis auf die, die in den staatlichen Dienst getreten sind, verdienen die Beduinen kaum noch etwas an den Touristen. Abu Shish kann davon erzählen, doch es macht ihn traurig.
 
 Viel mehr liebt er es, die Abende am Ad Deir, dem "Kloster" zu verbringen. Wenn die Sonnenstrahlen sich neigen, zaubern sie ein fast übernatürliches, rosafarbenes Licht auf den bunten Stein der Reliefs. Dann sitzt er gerne mit seinen Freunden auf dem dem Platz und spielt mit seiner Flöte melancholische oder fröhliche Melodien. Manch einer hebt dann an zu singen. Zusammen trinken die Freunde und manchmal auch ein paar Gäste den Wiskey der Beduinen, schwarzen, stark gesüßten Tee.



Polizeikontrolle

 Ägypten -  Südlich von Luxor gibt es wieder eine Polizeikontrolle. Es ist keine von den normalen, wie sie üblicherweise an größeren Kreuzungen immer stehen. Diesmal sind wir der weiß uniformierten Touristenpolizei aufgelaufen. Sie wollen uns nicht passieren lassen. Wir sollen entweder warten, bis die nächste Wagenkolonne mit Touristen ankommt, die uns mitnehmen kann, oder nach Luxor zurückfahren. Wütend treten wir den Rückzug an. Ein paar hundert Meter weiter finden wir eine asphaltierte Abzweigung in die Felder. Wir biegen ab.
 
 Hinter der Abzweigung führt ein Weg paralell zur Hauptstraße entlang des Nils. Ein Junge mit einem Rad hat uns abgefangen und begleitet uns nun ein Stück des Weges. Wir passieren den Polizeiposten, nun aber von der anderen Seite. Der ausschauende Wächter kann uns gut sehen. Trotzdem werden wir nicht zurückgepfiffen. Es ist wohl glücklicherweise nicht ihr Auftrag, diesen Seitenweg zu kontrollieren.
 
Ich bin beeindruckt von der Unmenge an Grün, die sich hier vor unseren Augen auftut. Eselkarren und Menschen mit Körben begegnen uns. Als wir durch ein Dorf kommen, sind wir die Attraktion für die Kinder. Auch Steine fliegen. Doch wir sind froh, eine Alternativroute gefunden zu haben. Welcher Fahrradfahrer läßt sich schon gerne mit einem Touristentransporter abschleppen, anstelle durch ein grünes Paradies zu fahren?



Straße des Todes

 Sudan -  Der Bus hielt auf uns zu. Ich stutzte. Bruchteile von Sekunden verwandelten sich in Minuten. Ich schrie zu Roland hinüber: "Runter von der Straße, schnell", und war eilig dabei, mein Fahrrad auf den Schotter zu schieben. Einen Meter weiter fiel er ab in den Graben. Als ich mich umblickte, sah ich Roland, wie er versteinert auf den Bus starrte, der von der Gegenseite auf linken Fahrbahn direkt auf ihn zusteuerte. Doch im letzten Moment bewegte er sich. Ich wollte mein Fahrrad ablegen, da hörte ich einen lauten Knall hinter mir.
 
 Ich sah Roland mit dem Rad stehen. Der Bus hatte sich zwischen ihm und dem gerade überholten Lkw durchgequetscht. Eine der Plastikhalterungen an Rolands Anhängerrad war zerbrochen. Die Splitter lagen auf der ganzen Fahrbahn verteilt. Bis auf den Schock war Roland zum Glück nichts passiert. Auch sein Rad samt Anhänger hatte keinen weiteren Schaden erlitten. Ich zitterte, konnte nicht glauben, was sich da gerade abgespielt hatte. Doch der Vorfall war keine Seltenheit. Fast täglich gibt es hier Unfälle mit Todesopfern.


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Helfer

 Äthiopien -  Das Wellenreiten im äthiopischen Hochland ist anstrengend. Kurz vor Addis Abeba machen wir eine Pause auf einem Berg, um uns zu stärken. Wir haben unsere vier Bananen ausgepackt und sinnieren über die nächste Steigung, die wir von unserem Platz aus gut sehen können. Sie scheint steiler und länger zu sein als die letzten, erklommenen Berge.
 
Während wir dasitzen, kommt ein Bauernkind barfuß, in zerfetzten Kleidern zu uns und bittet um eine Banane. Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber in Anbetracht der ausgeprägten Bettelkultur in Äthiopien und dem bevorstehenden Berg, will ich und auch Roland nicht teilen.
 
Gerade ist ein brandneuer BMW an uns vorbeigefahren. Nun kommt er zurück und hält direkt vor unseren Rädern. Ein elegant gekleideter Mann steigt aus, grüßt, und geht schnurstracks zu seinem Kofferraum. Dort holt er eine große Tüte heraus, die die Aufschrift einer Fastfood- Restaurantkette trägt. "Hier das ist für Euch zur Stärkung", ruft er uns zu. Bei dem Gedanken an die schwer im Magenliegenden "Bremsklötze" lehnen wir das freundlich gemeinte Angebot ab.  Vermutlich würden wir nach dem Verzehr nur noch so ins Tal hinunterpurzeln, und danach gerade schaffen, das Zelt aufzuschlagen.
 
Roland zeigt auf den kleinen Jungen, der eine Sprung zur Seite gemacht hat, als das Auto hielt, und machte den eleganten Herrn auf den Hungerleider aufmerksam. Doch ohne ihn anzusehen oder nur eine Notiz von ihm zu nehmen, steigt der feine Mann in sein Auto und fährt uns viel Glück für die Fahrt wünschend fort.



Im Dienst der Menschen

 Djibouti - Wir wohnten zwei Tage in der christlichen Mission in Arta. Als wir nach Tadjoura aufbrachen, bat uns die Leiterin Béatrice, eine Kleinigkeit für ihre dort lebende Freundin mitzunehmen. Es war winziges Ersatzteil für deren Nähmaschine, säuberlich verpackt in einen Briefumschlag mit ihrem Namen.
 
 Tadjoura war ein kleiner Ort, und es war leicht, das Foyer, in dem die Freundin wohnte und arbeitete zu finden. Fast jeder kannte sie. Wir brauchten an das Tor nicht zu klopfen, es stand offen und als wir ihren Namen nannten, winkte der Wächter uns in den Hof. Große Bäume säumten die Gebäude und blühende Büsche füllten die Lücken in herrlichen Farben aus. Die Türen zu verschiedenen Räumen standen weit offen, und wir sahen Mädchen auf Schulbänken sitzen und schreiben. Als sie uns erblickten, erstrahlten ihre Gesichter.
 
Dann kam die Chefin. Sie begrüßte uns und freute sich über das Mitbrinsel. Trotz betagteren Alters, sie war weit über 60, hatte die Frau eine lebenslustige und tatkräftige Erscheinung. Sie lebte fast ihr ganzes Leben schon in Tadjoura, es war wie ihr Zuhause, obwohl sie ursprünglich aus Frankreich kam. Ehemals arbeitete sie als Krankenschwester, doch seit langem schon leitete sie diese Mädchenschule, wo sie neben ihrer Muttersprache auch andere Fächer lehrte. Die Frau liebte die Menschen hier, und die Menschen lieben sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals irgend woanders zu leben. Ihr Schicksal ist mit den Menschen hier für immer verwoben.


Verwandlung

 Jemen - Die Mädchen lachten. Sie betrachteten mich. Eine spielte mit meinen Haaren und begann nach meiner Zustimmung den Zopf aufzuflechten. Eine andere deutete auf mein altes T-Shirt und die Hose. Sie zog ein langes, buntes Kleid mit Spagghettiträgern aus dem Schrank. Ich nickte als Zeichen der Einwilligung. So wurde die Türe des Frauenraums angelehnt, und sodann begann die Verkleidung.
 
Fatiha kämmte genüßlich mein Haar. "Jamil" - schön, rief sie immer wieder begeistert aus. Ihre Schwester hatte ein Schminkköfferchen ausgepackt und schickte sich an, alles für die vollkommene Verwandlung vorzubereiten. Dies war jetzt etwas zu viel für meinen Geschmack und ich schüttelte mit dem Kopf. Sofort wurde das Köfferchen geschlossen, die Mädchen hatten Verständnis für meinen Wunsch und drängten nicht weiter. Auch das extrem süße Parfun lehnte ich ab. So wurde ein Topf mit qualmendem Weihrauch und anderen Essenzen gebracht. Das Rauchgefäß wurde unter meinen Haarschopf und das Kleid gehalten. Die Mädchen kicherten dabei unentwegt. Scheinbar hatten sie eine Riesenfreude daran.
 
 Als die Zeremonie beendet war, wurde ich zur Begutachtung zu Roland geschickt. Er verstand den Spaß und lachte mit. Danach setzte ich mich wieder zu den Frauen. Die kleinen Mädchen hatten nun genug Aufregung gehabt und verstreuten sich wieder im Haus. Die Großen dagegen legten Musik auf, und wir begannen dazu zu tanzen. Sie hatten einen Riesenspaß an meinen Versuchen, arabische Tanzbewegungen nachzuahmen. Durch die Freude am Tanzen hatte ich ihre Herzen entgültig gewonnen. Bei Fatiha war nun als Freundin akzeptiert.



Weg ins Ungewisse

 Kenia -  Es hatte die letzten Tage geregnet, und so war diese Piste nach Lokori für Autos nicht passierbar. Es gab kilometerbreite, schlammige Flußtäler zu durchqueren, bei denen man nur die Andeutung eines Weges erkennen konnte. Treibsand überraschte uns, und im tiefen Sand ließen sich unsere Räder nur mit großer Mühe weiterschieben.
 
Sand und Akaziensträucher umgaben uns. Sonst gab es nichts. Nur die weißflimmernde Sonne war unser treuer Begleiter, der das Wasser aus unseren erschöpften Körpern saugte. Dank des Regens der letzten Tage standen jedoch immer wieder kleine Pfützen in den Tälern.
 
 Als der Sand sich in Schotter verwandelte tauchten hin und wieder bewegliche Punkte in der Landschaft auf. Schellende Glöckchen waren zu hören. Und die Ziegenhirten staunten über den Besuch in dieser Einöde. "Lokori?", fragten wir und zeigen in die Richtung vor uns. "Lokori!", nickte de Mann, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Jedes Mal, wenn wir einen Hirten fragten, erhielten wir die gleiche Antwort und jedes Mal erschien der Ort wie eine Fata Morgana vor unseren Augen. Doch Lokori kam und kam nicht.




Auf Jagd

 Tansania - Es  war ein feuchtkalter Tag, der Anfang der kleinen Regenzeit. Die Gepardin genoß das Wetter nicht. Man konnte gerade ihren Kopf und den Hals in dem hohen, nassen Gras erkennen. Gelangweilt starrte sie in die Ferne. In unserem Fahrzeug wurde das Fernglas herumgereicht.
 
 Dann fesselte etwas ihre Aufmerksamkeit. Mehrere hundert Meter weiter hatte sie eine Gazelle entdeckt. Eilig doch mit Bedacht bewegte sie sich in diese Richtung vorbei an einem Straußenvogel, der kaum Notiz von ihr nahm. Lauernd beobachtete sie die ahnungslose Antilope. Langsam und vorsichtig näherte sie sich ihrer angedachten Beute bis auf etwa 200 Meter, dann ging sie in Angriffsposition.
 
Obwohl der Ngorongoro-Krater flach wie ein Teller war, bot das hohe, gelbe Gras genügend Tarnung. Das grasende Tier hatte die Gefahr noch immer nicht bemerkt. Als die Gepardin zum Lauf ansetzte, war es für die Gazelle bereits zu spät. Mit fast doppelter Geschwindigkeit rannte die Großkatze auf ihre Beute zu. Sekunden später war das Tier erlegt.



Heiße Nacht

 Uganda - Erst gegen Mitternacht wird es im Capital Pub so richtig voll. An den Bartischen und an der Theke stehen Bierflaschen, auch die hiesigen hochprozentigen Getränke sind sehr beliebt. Ugander trinken viel. Aus den Lautsprechern dröhnen afrikanische Rhythmen und die Tanzfläche ist gefüllt.
 
 Kaum jemand der hier alleine hinkommt, bleibt es auch während des Abends. Besonders weiße Männer erfreuen sich großer Beliebtheit. Schon auf dem Weg zur Theke werden sie mehrmals in die Seite gezwickt, wie zufällig streift die eine oder andere Hand mal über den Po. Ein Blick in den Raum trifft lächelnde Gesichter von schokoladenfarbenen Schönheiten.
 
 "Musungu, tanz mit mir", ein heißer Blick trifft den Neuankömmling. Auf der Tanzfläche schmiegt sich die Eroberin eng an ihren Fang, doch das hindert andere Jägerinnen nicht, ihr Glück zu versuchen. Von hinten dringen weitere Aufforderungen zum Tanz an seine Ohren. Sehnsucht spiegelt sich in den Gesichtern dieser Frauen. Fast jede will einen Musungu haben, gern fürs Leben aber erstmal für ein kleines Abenteuer.
 




Erinnerungen

 Ruanda -  Auf den in der Kirche aufgestellten Regalen reihten sich unzählige Menschenschädel, große Erwachsenenschädel und kleine von Kindern. Manche wiesen Bruchstellen auf, Spalten, die von niederfahrenden Macheten verursacht wurden. Die Kirche war ein düsterer Ort. Am anderen Ende, hinter dem Altar lagen noch mehr zu Haufen zusammengescharrte Schädel und Knochen.
 
Jean Baptiste führte uns in einen Schuppen des Kirchengeländes. Auf dem Boden stapelte sich dort alte Kleidung von Tausenden von Menschen. Daneben befand sich ein Raum, in der Menschen lebendig verbrannt wurden.
 

 Bei den wenigen Verbliebenen ist die Erinnerung an den schrecklichen Genozid vor 13 Jahren heute noch hellwach. Viele sind die einzigen Verbliebenen ihrer großen Familien. Nur ein Glücksfall hatte sie damals vor dem Tod gerettet. Heute müssen sie mit der Erinnerung an das grausame Schicksal ihrer Verwandten weiterleben.


An Bord

 Tansania -  "Volle Kraft, volle Kraft!" schallte es aus der Dunkelheit. Der Umriß eines Bootes tauchte unweit der Liemba auf. Wasser schäumte vor dem Bug. Zwölf schwarze Männer bewegten ihre Paddel in schnellen, rhythmischen Stechbewegungen. Ihre anfeuernden Rufe dröhnten über das Wasser. Mit muskulösen Oberarmen trieben sie das Boot mit der Liemba gleichauf. Auf dem Boot stapelten sich Holzkisten, Säcke mit Fisch und andere Ladung. Darauf, daneben und dazwischen eingezwängt saßen Menschen, die auf das Passagierschiff wollten.
 
 Weitere Boote tauchten aus der Nacht auf. Das Getümmel und Geschrei wurde immer größer. Matrosen der Liemba dirigierten die Fischerboote, winkten eins nach dem anderen an das große Schiff heran. Taue wurden ausgeworfen, um den Bootsmännern das Festmachen ihrer Gefährte zu ermöglichen. An den Armen zerrend und an den Hinterteilen schiebend half man den neuen Passagieren an Deck. Danach wurde die Ladung, von hitzigen Zurufen begleitet, hinaufmanövriert.
 
Es verging fast eine Stunde, bis alle Fracht und Passagiere auf- und abgeladen waren und das große Schiff sein Horn zur Abfahrt ertönen ließ. Die letzten Boote glitten ruhig zurück zu den Dörfern am Ufer, und die Liemba steuerte zu ihrem nächsten Haltepunkt.


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Vollmond

 Sambia - 'Rauch, der donnert', heißen die Viktoriafälle in der Sprache der Einheimischen. Als ich versonnen auf das Naturschauspiel blickte, verstand ich, wie sich Mythen  darum ranken konnten. Ahnungslos floß vor mir der in der Ebene aufgefächerte Strom des Sambesi auf die scharfe Abbruchkante zu, bevor er jäh in die Schwindel erregende Tiefe stürzte. Die gewaltigen Wassermassen prallten mit einem dumpfen Grollen in die steinigen Abgründe der Schlucht. Enorme Gischtwolken quollen ohne Unterlaß nach oben, so als ob sie sich an der Kante der Klamm hochzuziehen versuchten.
 
 In der Nacht tauchte der bleierne Widerschein des Vollmonds das Spektakel in eine märchenhafte Aura. Sterne glitzerten am schwarzen Firmament, während Mars und Venus sich zu einem Rendezvous trafen. Der Vollmondregenbogen, der hier über den Nebelwolken der Fälle aufstieg, gab dafür einen würdigen Rahmen.
 
In allen Farben leuchtete der Lichterbogen über der Schlucht und der Brücke, die einen Taldurchbruch überspannte. Andächtig schauten die wenigen, nächtlichen Besucher zum Himmel. Mancheiner versuchte, dieses Naturwunder in seine Kamera zu bannen, um eine bleibende Erinnerung daran mitzunehmen.


Tiere

 Botsuana -  Das Boot glitt hinaus in den Park, und schon bald konnte man die ersten Tiere erblicken. Büffel, die zufrieden am Rand des Wassers grasten, Krokodile, die unbeweglich, fast unsichtbar am Ufer lagen, Flußpferde, deren Rücken wie runde Felsen aus dem Wasser ragten. Elefantenfamilien kamen zum Wasser, und einzelne Bullen nahmen ein Bad in Kauf, um zur anderen Flußseite zu gelangen.
 
 Mit ihren Kameras fingen die Ausflügler die Tiere in der malerischen Flußlandschaft ein, die selbst in der bereits anhaltenden Trockenzeit grün und üppig war. In den goldenen Strahlen der Abendsonne legte sich ein märchenhafter Zauber über die Auen und das sie umspielende, glitzernde Wasser. Viele Tiere blieben auch über Nacht am Fluß. Die Schlangenhalsvögel hatten bereits ihren Schlafplatz auf knorrigen Ästen eingenommen, die aus dem langsam fließenden Strom ragten.
 


Bei Buschleuten

 Namibia -  Wir wurden bei der Familie willkommen geheißen, und so stellten wir unser Zelt für eine Nacht dazu. Es gab keinen Zaun, der den Wohnbereich abgrenzte, doch das Gras war säuberlich von dem Platz entfernt. In der Mitte befand sich die Feuerstelle, an der man sich zum Essen und allabendlichen Beisammensein traf. Gerade jetzt im Winter waren die Abende kalt, und die flackernden Flammen des Feuers sorgten für wohlige Wärme.
 
So saßen Große und Kleine in der Runde, und da es keine Unterhaltung von außen gab, sorgte man selbst für etwas Abwechslung. Mit lebhaften Gesten teilten sie sich gegenseitig die Erlebnisse und Kuriositäten des Tages mit, so als wenn sie gerade eine kleine Theatervorführung präsentierten.  Für uns ungewöhnliche Schnalz- und Klicklaute durchzogen wie ein Band die so eigenwillige Sprache, deren Schall in der stillen Nacht vibrierte. Die durch das Feuer erhellten Gesichter strahlten, und immer wieder hörte man schallendes Gelächter in der Runde.
 
Erst spät am Abend legte man sich zur Ruhe. Die Scheite wurden etwas aus der Glut gezogen, das Feuer jedoch nicht gelöscht, damit es am Morgen schnell wieder Wärme spenden konnte. Die Buschleute brauchten diesen Ort des Zusammentreffens.



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