Episoden aus allen Ländern
Unsere
Reise führte uns bisher durch 31 Länder und Meere.
Von jedem dieser Teile des Globalen Dorfes nahmen wir besondere Erlebnisse und
Erfahrungen mit auf unseren weiteren Weg. An dieser Stelle beschreiben wir in Form
von Episoden solche Begebenheiten aus jeweils einem Land. Die Flaggen führen jeweils
zu der Geschichte des entsprechenden Landes:
Kälte
Deutschland -
Kalt
war es in Deutschland im März. Und ich wagte kaum, die erste Nacht, nach
unserer Losfahrt im Zelt zu schlafen. Es war unter null Grad. Wir befanden
uns im Bergischen Land. Zwischen den dünnen Stämmen kahler Laubbäumen,
deren Sommerkleid nun vertrocknet und mit Schnee überdeckt auf dem
Waldboden verrottete, fand Roland ein Plätzchen für die Nacht.
Mir
waren die Hände trotz dicker Handschuhe eingefroren, und ich machte
Fingergymnastik, um sie aufzuwärmen. Dasselbe geschah mit meinen Zehen.
Roland schob die Räder samt des Anhängers durch das Gehölz neben eine
kleine Gruppe von Tannen. Dort wollten wir das Nachtlager aufbauen.
Beim
Rumhantieren wurde es wärmer. Dazu gebrauchte man andere Muskeln
als beim Fahrradfahren, so wurden nun auch die vernachlässigten Körperteile
durchblutet. Schnell war das Zelt aufgebaut. Wir stellten die Taschen in den
Eingang. Wenn es in der Nacht schneien sollte, blieben sie dort trocken.
Auch weiß man nie, wer sich des Nachts in den Gefilden herumtreibt. Als wir uns
in unsere dicken Schlafsäcke kuschelten, wurde es auch mir bald warm. Und wir
schliefen.

Grenzen
Tschechien -
Es
ist schon seltsam. Man passiert die erste Landesgrenze auf einer Weltreise
und spürt ein wenig Unruhe und ein Kribbeln. Es ist der erste Schritt fort,
weg von dem Vertrauten und Liebgewonnen, hinein ins Ungewisse. Diesen
Schritt würde ich demnächst noch viele Male tun. Ich hatte mich für die Weltreise
entschieden und würde davon nicht abrücken. Also wozu diese Sentimentalität?
Die
leichte Erregung, die ich bei der Überschreitung der deutsch-tschechischen
Grenze spürte, ist bis heute nicht von mir gewichen. Jedes Mal wenn ich
ein neues, unbekanntes Land betrete, mit dem Fahrrad mehr als mit anderen
Verkehrsmitteln, überkommt mich eine gewisse Sorge vor dem Unbekannten und
dem Unberechenbaren. Wie werden die Menschen auf uns reagieren? Gibt es
genug zu Essen und zu Trinken auf unseren Wegen? Könnten uns Tiere überfallen?
Wie rücksichtsvoll sind die Autofahrer hier? Doch diese Ungewißheit macht
auch einen Reiz des Fahrradreisens aus. Es ist nicht alltäglich, gleichförmig
und berechenbar. Doch mit Spontanität und schneller Auffassungsgabe kann
man vielen gefährlichen oder zumindest unangenehmen Situationen aus dem
Weg gehen.
Tina
Slowakei -
Wir
sitzen in einem Cafe in der Hochhaussiedlung von Preßburg. Es befindet
sich in einem der Geschäftsräume im Parterre. Wir haben unsere Räder vor
die Scheiben gelehnt, so können wir von innen auf sie sehen. Tina bedient
in dem Cafe und bringt uns zwei Nescafe aus dem Automaten. Ihre unkomplizierte,
offene Art bringt uns bald in ein Gespräch mit ihr. Wenn sie nichts zu tun
hat, sitzt sie bei uns am Tisch und raucht eine Zigarette. Sie wirkt etwas
nervös und gehetzt.
Als
sie erfährt, daß wir noch keine Bleibe haben, läd sie uns kurzerhand
zu sich ein. "Ich habe nur eine kleine Wohnung, doch wenn es für Euch reicht ..."
Sie telefoniert, und kurze Zeit später kommt ein etwa siebzehnjähriges
Mädchen herein, ihre Tochter. Sie soll uns in die Wohnung im ersten Stock
führen. Tina kommt später, sie muß noch arbeiten.
Wir packen die Fahrräder in den geräumigen Fahrstuhl und stellen sie oben
im Hausflur ab. Barbara räumt die Plüschtiere von ihrem Bett, in ihrem
Zimmer sollen wir heute schlafen, während sie zu Mama auf die Couch ins
Wohnzimmer klettern wird.
Spät am Abend kommt Tina zurück. Sie macht Essen und holt eine Wodkaflasche
aus dem Schrank. "Heute ist mein Geburtstag", sagt sie. Wir stoßen auf ihr neue
Lebensjahr an. Im Hintergrund laufen Musikvideos im Viva-Kanal.
Flugzeit
Österreich -
In
Österreich machten wir nur eine Stipvisite. Wenn das Land im Allgemeinen
wegen seiner Berge als nettes Urlaubsziel bekannt ist, besuchten wir die
Ebene im Osten des Landes, die platt war wie eine Bratpfanne.
Wir hatten günstige Fahrradbedingungen.
Rückenwind, makellose Straßen mit erträglichem Verkehr. Das feuchtkalte
Wetter gab seinen Teil dazu. So rasten wir mit hohem Tempo gen Süden, fast
immer von einem Meer aus grünen Feldern umgeben. Wir scheuchten Rebhüher auf,
die neben der Straße saßen und eine so perfekte Tarnung hatten, daß wir sie
erst direkt vor unseren Nasen erblickten. Auch Storche und weiße Reiher
stolzierten durch die Felder, doch in sicherer Entfernung zur Straße.
Zweimal
passierten wir einen Zipfel von Österreich, mit einem kurzen
Abstecher ind die Slowakei und nach Ungarn, die auf dem Weg lagen.
Bei der zweiten Passage querten wir den Neusiedlersee mit einer Fähre.
Die salzige Luft erinnerte mich an die Nordsee. Viele Wasservögel tummelten
sich hier, und Kaninchen gab es in Hülle und Fülle. Bis zur nächsten
Grenze fehlten uns nur noch ein paar Kilometer.
Ungarischer Wein
Ungarn -
Als
wir nach Ungarn kamen, war es Frühling. Bunte Tulpen blühten vor den
aufgeräumten Häuschen der Menschen. Die Bäume und Sträucher waren in
zartes Weiß und Rosa getaucht, das frische Grün der ersten Knospen schimmert
an den dürren vom Winter gepeitschten Zweigen.
Auf
den Straßen waren wir nun nicht mehr allein, in Ungarn ist Radfahren
Volkssport. An einer Tankstelle, an der wir wegen einer Landkarte hielten,
parkten noch zwei weitere Räder. Das eine gehörte dem Tankwart, das andere
einem Kunden, der gerade Benzin für seinen Rasenmäher holte.
Am Sonntag stapeln sich die Fahrräder vor den kleinen Dorfkirchen und
anschließend vor der Bar, wo ein eisgekülter Roter gekippt wird.
Ungarn
sind wie der Wein gemütliche und etwas scheue Menschen.
Sie sind neugierig, korrekt und ordnungsliebend. Aber sie bewohnen ihr
anmutiges Land nicht alleine. Daneben gibt es noch das mehr oder weniger
seßhaft gewordenen Nomadenvolk der Roma. Viele Ungarn verziehen das
Gesicht, wenn sie von den "Wilden" sprechen.
Und tatsächlich erkennt die Romadörfer meist schon auf den ersten Blick.
Die Häuser sind ungepflegt und in einem schlechteren Zustand als die
der Ungarn, doch die Menschen sitzen vor den Häusern, an der Straße.
Ihre Haut ist dunkler und die Frauen tragen bunte, weite Röcke,
doch die Freundlichkeit der Roma ist nicht weniger herzlich als
die der anderen Bewohner des Landes.
Kriegswehen
Kroatien -
Kroatien
hat mich durch seine landschaftliche Vielfalt überrascht.
Schon im Norden, in Slavonien empfängt einen eine wunderschöne Auenlandschaft.
Es hat zehn Tage am Stück geregnet, bevor wir in dem Gebiet eintrafen.
So stand das Wasser der Sava hoch, viele Wege waren überschwemmt, selbst
Fußballfelder standen unter Wasser.
Wir
wollten von einem Bauern Eier kaufen, doch bevor wir sie bekamen,
sollten wir erst einen Kaffee mit dem alten Mann trinken. Dabei erzählte er uns
von seinem Schwiegersohn. Seit vielen Jahren entschärfte er Minen im ganzen Land
und kam nur alle paar Monate für kurz nach Hause. Auch seine Frau war
berufstätig und so lebte die kleine Tochter, die mit ihren Augen mehr
erzählen konnte, als andere mit Worten, bei den Großeltern. Sie vermißte
den Papa sehr. "Minenentschärfen ist ein gefährlicher Beruf, viele sind dabei
schon ums Leben gekommen", sagte der alte Mann und goß uns den nächsten
Kaffee ein.
Am
nächsten Tag zogen wir weiter und zielten auf zweifellos eines der
großen Wunder der Natur, die Plitwitzer Seen. Hunderte von
Wasserfällen und Katarakten verstecken sich hinter den bewaldeten schroffen
Hängen des Karstgebirges und zeigen sich in immer neuen Ausprägungen. Die
stufenförmig aneinandergereihten Seen ziehen sich über mehrere Kilometer
hin. Minibusse karren Touristen durch das weitläufige Gebiet, doch zu dem
letzten großen See fahren sie nicht mehr. Dort zelteten wir neben der Ruine
eines verlassenen Hauses an einem Hang mit Seeblick. Kein Mensch störte unsere
Ruhe hier. Nur ein Reh brachte uns vor dem Schlafengehen einen Gute-Nacht-Gruß.
Gastfreundschaft
Bosnien-Herzegowina -
Der
Himmel war verhangen von grauen Wolken, es regnete, als wir
an der Grenze zu Bosnien ankamen. Durchgenäßt wie wir waren, machten
wir wohl keinen vertrauensseligen Eindruck auf den Grenzbeamten, so
daß er sich ernstlich zu überlegen schien, uns einer eingehenden
Zollkontrolle zu unterziehen. Schließlich begnügte er sich mit
einer Beschreibung, all dessen was in unseren Taschen zu finden
war und einer kleinen Stichprobe.
Auf
der anderen Seite standen wir vor einer Moschee. Wir befanden uns
in einem der wenigen moslemischen Länder Europas. Das erste was wir
anstrebten, war ein Cafe, wo wir uns klein wenig aufwärmen wollten.
Von dort aus wollten wir auch Erkundigungen nach möglichen Schlafstätten
für die Nacht anstellen.
In
Cafe schlossen wir schnell Bekanntschaft mit ein paar Besuchern.
Einer der Männer fragte, wo wir diese Nacht bleiben wollten. Als wir mit
den Achseln zuckten, sprang er auf und bat uns, hier auf ihn zu
warten. Er wolle nur seine Frau fragen, ob sie damit einverstanden
sei, daß wir bis morgen in seinem Haus blieben. Wenige Minuten später
kehrte er strahlend zurück und half uns, unsere Räder in seine Garage zu
fahren.

Dolce Vita
Italien -
In
Italien hatten wir das Gefühl, Urlaub zu machen. Es war angenehm
heiß, wir wechselten von Winterfahrradbekleidung auf die feschen
Sommertrikos und kurzen Hosen.
Nach der kulinarischen Fastenzeit in Kroatien kam uns Italien wie
ein Paradies vor. Wir stürzten uns auf die gigantischen Vorstadtsupermärkte,
wo wir erlesendste Eßwaren in Hülle und Fülle fanden. Vollbepackte
Einkaufskörbe schoben wir hinaus zu unseren Fahrrädern, wo in den
Packtaschen vieles verschwand. Der Rest fand eingeklemmt unter Gummis
Platz für die Fahrt zum nächsten Zeltplatz.
Wir
genossen die Wärme, den Wind und das Meer. Oft machten wir einen
kurzen Halt, nur um uns in den Wellen des Meeres zu erfrischen.
Zelten konnte man fast überall. Ob am Strand, auf Olivenplantagen oder
Wiesen, auf Bergkuppeln oder im Wald. Die Italiener sind gemütliche
Menschen, sie haben einen Sinn für die Natur und können Vagabunden
wie uns im Herzen verstehen.
Viele
Alte schwärmen von ihren kleinen Schrebergärten, wo sie auf kleinstem
Raum zig verschiedene Gemüse- und Obstsorten kultivieren. In der Stadt
verweilen sie auch gerne auf der "Piazza", dem großen Platz oder Park,
der sich im Zentrum fast aller süditalienischen Städte befindet.
Dort treffen sich die Alten am Abend, wenn es kühler wird, zu einem Plausch
oder nur um Herumzusitzen. Auch die Straßencafes sind dann übervoll.
Es ist vor allem eine Tradition der Männer, die öffentlichen Lokale zu besuchen,
das Neuste vom Tage zu hören und die vorbeiziehenden Passanten zu
beobachten. Wahrscheinlich geht dieser Brauch auf arabische Wurzeln
zurück.
Oase des Glücks
Tunesien -
Abseits
des Touristentrubels hat man Gelegenheit, das wahre Gesicht
Tunesiens kennenzulernen. Da gibt es Menschen in farbenfrohen Berbertrachten.
Die weiten Berglandschaften und ungewöhnlichen Höhlenwohnungen haben bereits
mehreren Regisseuren als Filmkulissen gedient. Die Dattelplantagen und die
unendliche Weite der Salzpfannen im südlichen besiedelten Land sind gleichsam
das Tor zur Sandwüste der Sahara.
Wir
hatten Gelegenheit, am Leben einer tunesischen Großfamilie
teilzunehmen, und so lernten wir ihre Liebenswürdigkeit und
Gefühlsbetontheit schätzen. Die Gemeinschaft ist hier das wichtigste
Gut. Musik und Tanz helfen den Menschen, die Alltagssorgen zu vergessen.
Obwohl Einflüsse der Moderne überall zu spüren sind, ist der Lebensgang
in den kleineren Orten kaum davon berührt. Alles scheint
so zu sein wie vor hundert Jahren.
Die Männer spielen weiterhin
Karten in den Cafes und rauchen Wasserpfeife, die in Tunesien besonders
gut ist, während die Frauen das tägliche Brot in Lehmöfen backen.
Nur an Äußerlichkeiten kann man
eine Veränderung spüren. Die jungen Frauen tragen heute europäische
Kleidung und ihre Gesichter weisen keine Stammestätovierungen mehr
auf. Auch gehen heute alle jungen Mädchen zur Schule. Das war nicht
immer so.
Bildung
wird heute in Tunesien ganz groß geschrieben. Fast jede Schule in
Tunesien verfügt mittlerweile über einen eigenen Internetanschluß.
Die Regierung tut eine Menge für die Bevölkerung,
und im allgemeinen mögen die Menschen ihren Präsidenten.
Auch im Straßenbau wird wie wild gearbeitet. Wasser- und Stromleitungen
werden angelegt, selbst in abgelegensten Dörfer. Kaum zu glauben, daß
etwa 60% des Bruttosozialproduktes aus dem Tourismus geschöpft werden.
Kreuzfahrt
Westmed -
Durch
großes Glück bekamen wir eine Mitfahrgelegenheit auf einem
170 Meter langen Frachtschiff von Tunis nach Haifa. Die drei Tage
unserer Reise gestalteten sich wie eine Kreuzfahrt für uns. Wir
wohnten in der Kabine des Eigentümers und speisten täglich am Tisch
des griechischen Kapitäns, der einen Wert auf gutes Essen legte.
Pünklich um 10 Uhr und um 3 Uhr nachmittags servierte der Steward uns
je eine Tasse Kaffee in der Offiziersmesse.
Weil
die See so ruhig war, ordnete der Kapitän Barbecue für den
nächsten Abend an. Dies sorgte für Aufregung bei Koch, "Da hab ich
wieder mehr zu tun", stöhnte er. Doch am Abend war er wie alle anderen
glücklich über die Anordnung des Kapitän. Alle saßen gemütlich beisammen,
ließen sich das üppige Mahl schmecken und plauderten.
Und der erste Ingenieur, ein Grieche, ließ es sich nicht nehmen,
dem rumänischen Koch und dem philipinischen Stewart beim Grillen unter
die Arme zu greifen.
Und ihr Wille geschehe
Palästina -
Mitten
in Palästina erhebt sich eine Mauer vor Dir und versperrt Dir
den Weg. Du bist auf einer Landstraße, einer Hauptverkehrsader und
Dir wird klar, warum der Verkehr seit der letzten Kreuzung abgenommen
hat. Hinweisschilder auf die Mauer gab es keine. Offiziell gibt es
keine zugemauerten, versperrten oder aufgerissenen Straßen in Palästina.
Wir
stehen auf der nördlichen Einfallstraße nach Jericho, es ist ein
Seitenarm von der Landstraße 90 die im Jordantal von Nord nach Süd
verläuft. Ein Meter hohe Betonquader versperren den Weg. Dazwischen kann
sich gerade ein schlanker Mensch hindurchzwängen.
Ein Schild mit großen, hebräischen Buchstaben scheint über etwas
höchst Wichtiges zu informieren. Wir verstehen kein Hebräisch, aber
wir sehen einen hohen Wachturm unweit der Absperrung.
Als wir uns der Absperrung zu Fuß, ohne Fahrräder nähern, kommt eine
leichte Bewegung in der Kabine des Wachturms auf. Doch es ertönt kein
Laut. "Nicht, bleib lieber stehen", rufe ich Roland besorgt zu, der
neugieriger Weise ein Paar Schritt näher an die Blockade trat.
Wir
mußten einen weiten Halbkreis um Jericho herum ziehen. An der
südlichen Einfallstraße gab es einen Kontrollpunkt. Dort durften
Touristen passieren. In Jericho trafen wir einen Franziskanerpater,
der schon seit vielen Jahren hier lebte. Ihm erzählten wir von der
Begebenheit vor den nördlichen Zufahrt der Stadt. Er hörte aufmerksam
zu, dann stimmte er uns zu. Es sei gut gewesen, daß wir nicht versucht
hatten, durch die Absperrung in die Stadt zu gelangen. "Wenn die glauben,
etwas tun zu müssen, dann tun sie es meist auch, Erklärungen findet
man notfalls hinterher", meinte der Pater und lächelte hilflos.
Ungleich
Israel -
Israel
ist ein moderner Staat mit der Geschäftigkeit einer Industrienation.
Gläserne Hochhausbauten, übervolle Autobahnen, mit Fahrern, die sich
"wie die Hänker" im Straßenverkehr benehmen und saubere, aufgeräumte
Vorstadtsiedlungen.
Die meisten Juden, die hier wohnen, kamen einst aus Europa und
Nordamerika. Viele Russen fanden den Weg hierher, wegen des Geschäfts,
sagt man. So sieht man in den Städten oft große Schilder mit russische
Reklametafel. Die Straßenschilder der Autobahnen sind meist zweisprachig,
manchmal fehlt jedoch auch die arabische Übersetzung.
Obwohl
gern verschwiegen ist der größte Anteil der israelischen Bevölkerung
arabischer Herkunft. Palästinenser und Juden leben in der Regel in Ghettos
nebeneinander. Letzere wollen oft mit den "Schmutzfinken" nicht viel zu tun haben.
Es gibt getrennte Schulsysteme und beruflich erfolgt auch meist eine Trennung.
Araber werden bei gleicher Arbeit in der Regel schlechter bezahlt als Juden
oder sie bekommen erst gar nicht die gewünschte Arbeit. Die Diskreminierung
beginnt schon im Jugendalter. So werden die Pässe von Diskothekenbesucher
an der Tür gewöhnlich kontrolliert. Findet man die kleine Kennzeichnung
"Araber" im Paß, verwandelt sich das öffentliche Tanzlokal plötzlich in
eine private Feier, zu der nur ausgewählten Gäste Zutritt gewährt wird.
Brüder
Zypern -
Ein
zweigeteiltes Land, der Süden zeigt die Geschäftigkeit und das
Treiben wie in den modernsten westeuropäischen Staaten. Vor Weihnachten
quellen die Fußgängerzonen der Hauptstadt über. Eine Kutsche mit einem
verkleideten Weihnachtsmann fährt durch das Gedränge. Der Mann in Rot
grüßt die staunenden Kinder. An den Orangenbäume in der Altstadt hängt
Weihnachtsschmuck. Alles freut sich auf das bevorstehende Fest.
Im
Norden der Stadt ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere. Hier werden
nur moslemische Feste gefeiert. In den Straßenrestaurants gibt es Shish Kebab.
Der Besitzer ist Türke, wie fast alle die hier wohnen. Touristen aus dem Süden
kommen hier vor allem wegen den günstigeren Preisen bei Essen und Kleidung.
Fisch sei hier billig, hörten wir jemanden sagen.
Der Norden ist seit Jahrzehnen ein besetztes Land. Seit dieser Zeit
ist auch kaum ein Handschlag für das Land getan worden. Bis auf die
Hauptverbindungsstraßen in die Küstenorte im Norden und im Osten, die nun alle
türkische Namen tragen, verkommen die Straßen und Behausungen im nördlichen
Teil Zyperns. Omnipräsent ist das Militär, ein Großteil der hier lebenden sind
türkische Soldaten.
Doch
der politische Konflikt kann die Schönheit der Landschaft auf der
gesamten Insel nicht beschmutzen. Das milde Klima beschert
Zypern die saftigsten Zitrusfrüchte, die man sich vorstellen kann.
Doch vor allem im Süden trifft man die überquillenden Gärten der Zyprioten
an. Der Norden dagegen ist trostlos.
Sturm
Türkei -
Seit
Tagen hatten wir starken Seiten- bis Gegenwind. Schon östlich von
Adana fiel das Fahren auf der glatten, aber verkehrsreichen Straße
schwer. In einer Senke packte mich der Wind samt des Fahrrades, und
ich kippte in den Graben. Ein Glück, daß er nicht von der anderen
Seite kam.
An der Weggabelung zwischen Van-See und Antakia
legte sich der Wind etwas. Wir waren jetzt durch eine Bergkette
geschützt. Der Verkehr ließ jedoch nicht nach, Lkws rasten auf der
schmalen Verbindungsstraße nach Iskenderum. Der Seitenstreifen war
voller Schotter, doch uns blieb nicht anderes übrig als dorthin
auszuweichen.
Bevor
wir nach Syrien kommen, müssen wir noch über den Hügel zur
Linken rüber, hatten wir erfahren. Hinter dem Wirtschaftszentrum
Iskenderum begann der Aufstieg. Kurz vor dem Gipfel machten wir
Pause, um uns am Feuer eines Pizzabäckers aufzuwärmen.
Wir wurden von anderen Gästen zum Essen eingeladen.
Je höher wir stiegen, desto stärker wurde wieder der Wind. Oben
konnte ich kaum noch gerade fahren. Wir steuerten ein Cafe in
einem Glaskasten an, aus dem man einen herrlichen Ausblick auf
die Ebene im Osten der Gebirgskette hatten. Wir konnte die Landstraßen in
der Ferne erkennen. Dann tranken wir unseren Tee schnell aus, da es
schon spät war.
Die
Bergstraße wand sich weiter nach Norden, der Sturm nahm zu.
Ich stieg von meinem 60 Kilo schweren Rad und schob angesichts
meiner Erfahrungen bei Adana. Der Wind drückte uns mal weg von der
Straße, mal auf die Fahrbahn hinüber. Immer wieder kam eine besonders
starke Böe. Als wir gerade Pause machten, kippte Roland mit seinem
100 Kilo schweren Fahrrad um. Ich wollte keinen Schritt mehr machen.
Da hielt ein Kleintransporter zwei Meter vor uns an.

Beduinen
Syrien -
"Halt,
halt", rufen uns zwei Beduinenfrauen von weitem zu.
Winkend kommen sie uns einen halben Kilometer über die Steppe
hinterher gerannt. Völlig außer Atem aber strahlend erreichen sie
die Straße. "Hallo, bitte, macht Rast in unserem Zelt".
Der
Gegenwind hat uns zu schaffen gemacht, und wir sind dankbar für
die Einladung. Die Fahrräder bleiben ein paar Meter neben der Straße
stehen, während wir mit den beiden jungen Frauen zum Zelt gehen.
Dort erwarten uns noch andere junge Menschen, Frauen und Männer,
all etwa Mitte Zwanzig.
Jemand trägt den Ofen in die Mitte des Zeltes. Wir setzen uns auf
die bunten Matten. Der Wind drückt die schweren Stoffe, aus denen
die Beduinenzelte gemacht werden, nach innen. Alle freuen sich,
und mit Hilfe unseres Wörterbuches bringen wir es zu einer rudimentären
Verständigung. Dann kommen Tee und Orangen. Die Frauen schälen sie
für uns. Das wird uns Kraft geben für die letzte Etappe nach Tadmor,
dachten wir uns.
In
der kargen Wüstenlandschaft waren wir fast auf
solche freundlichen Einladungen angewiesen. Dort gab es nichts,
selbst in den Dörfer konnte man sich nicht richtig verpflegen.
Als wir wieder aufbrechen wollten, brachten uns die Frauen wieder
zu den Rädern, die wir aus der Ferne erkennen konnten. Von hier wirkten
sie wie Miniaturdrahtesel.
Abu Shish
Jordanien -
"Hallo,
ich bin Abu Shish, wie ist Dein Name?". Noch kurz davor
haben wir den zierlich Mann mit einem Turban auf dem Kopf Flöte
spielen gehört. Er saß auf dem Felsvorsprung gegenüber von Kloster Ad Deir,
eines der besterhaltenen Grabreliefs in Petra. Nun setzte er sich
zu uns ins Cafe und bestellte Tee.
Abu
Shish ist jeden Abend hier und musiziert mit seinem Freund, der
auf der Gitarre spielt. Er liebt diesen Ort. Früher als die Ruinenstätten
noch den Beduinen gehörten, lebte seine Familie mitten zwischen den Altertümern.
Doch seit der Staat das Tourismusgeschäft hier in die Hand genommen hatte,
blieb für die Ansässigen nicht mehr viel übrig. Sie wurden zwangsausgesiedelt
und bis auf die, die in den staatlichen Dienst getreten sind, verdienen
die Beduinen kaum noch etwas an den Touristen. Abu Shish kann davon erzählen,
doch es macht ihn traurig.
Viel
mehr liebt er es, die Abende am Ad Deir, dem "Kloster" zu verbringen.
Wenn die Sonnenstrahlen sich neigen, zaubern sie ein fast übernatürliches,
rosafarbenes Licht auf den bunten Stein der Reliefs. Dann sitzt er gerne mit
seinen Freunden auf dem dem Platz und spielt mit seiner Flöte melancholische
oder fröhliche Melodien. Manch einer hebt dann an zu singen. Zusammen trinken
die Freunde und manchmal auch ein paar Gäste den Wiskey der Beduinen,
schwarzen, stark gesüßten Tee.
Polizeikontrolle
Ägypten -
Südlich
von Luxor gibt es wieder eine Polizeikontrolle. Es ist keine von
den normalen, wie sie üblicherweise an größeren Kreuzungen immer stehen.
Diesmal sind wir der weiß uniformierten Touristenpolizei aufgelaufen.
Sie wollen uns nicht passieren lassen. Wir sollen entweder warten,
bis die nächste Wagenkolonne mit Touristen ankommt, die uns mitnehmen kann,
oder nach Luxor zurückfahren.
Wütend treten wir den Rückzug an. Ein paar hundert Meter weiter finden
wir eine asphaltierte Abzweigung in die Felder. Wir biegen ab.
Hinter
der Abzweigung führt ein Weg paralell zur Hauptstraße entlang des Nils.
Ein Junge mit einem Rad hat uns abgefangen und begleitet uns nun ein Stück
des Weges. Wir passieren den Polizeiposten, nun aber von der anderen Seite.
Der ausschauende Wächter kann uns gut sehen. Trotzdem werden wir nicht
zurückgepfiffen. Es ist wohl glücklicherweise nicht ihr Auftrag, diesen
Seitenweg zu kontrollieren.
Ich
bin beeindruckt von der Unmenge an Grün, die sich hier vor unseren
Augen auftut. Eselkarren und Menschen mit Körben begegnen uns.
Als wir durch ein Dorf kommen, sind wir die Attraktion für die Kinder.
Auch Steine fliegen. Doch wir sind froh, eine Alternativroute gefunden
zu haben. Welcher Fahrradfahrer läßt sich schon gerne mit einem
Touristentransporter abschleppen, anstelle durch ein grünes Paradies zu
fahren?
Straße des Todes
Sudan -
Der
Bus hielt auf uns zu. Ich stutzte. Bruchteile von Sekunden
verwandelten sich in Minuten. Ich schrie zu Roland hinüber: "Runter von
der Straße, schnell", und war eilig dabei, mein Fahrrad auf den Schotter
zu schieben. Einen Meter weiter fiel er ab in den Graben.
Als ich mich umblickte, sah ich Roland, wie er versteinert auf den Bus starrte,
der von der Gegenseite auf linken Fahrbahn direkt auf ihn zusteuerte. Doch
im letzten Moment bewegte er sich. Ich wollte mein Fahrrad ablegen, da hörte ich
einen lauten Knall hinter mir.
Ich
sah Roland mit dem Rad stehen. Der Bus hatte sich zwischen ihm und dem
gerade überholten Lkw durchgequetscht. Eine der Plastikhalterungen an Rolands
Anhängerrad war zerbrochen. Die Splitter lagen auf der ganzen Fahrbahn verteilt.
Bis auf den Schock war Roland zum Glück nichts passiert. Auch sein Rad samt
Anhänger hatte keinen weiteren Schaden erlitten. Ich zitterte, konnte
nicht glauben, was sich da gerade abgespielt hatte. Doch der Vorfall war keine
Seltenheit. Fast täglich gibt es hier Unfälle mit Todesopfern.
Helfer
Äthiopien -
Das
Wellenreiten im äthiopischen Hochland ist anstrengend. Kurz
vor Addis Abeba machen wir eine Pause auf einem Berg, um uns zu
stärken. Wir haben unsere vier Bananen ausgepackt und sinnieren
über die nächste Steigung, die wir von unserem Platz aus gut sehen
können. Sie scheint steiler und länger zu sein als die letzten,
erklommenen Berge.
Während
wir dasitzen, kommt ein Bauernkind barfuß, in zerfetzten
Kleidern zu uns und bittet um eine Banane. Ich habe ein schlechtes
Gewissen, aber in Anbetracht der ausgeprägten Bettelkultur in
Äthiopien und dem bevorstehenden Berg, will ich und auch Roland
nicht teilen.
Gerade
ist ein brandneuer BMW an uns vorbeigefahren. Nun kommt er
zurück und hält direkt vor unseren Rädern. Ein elegant gekleideter
Mann steigt aus, grüßt, und geht schnurstracks zu seinem Kofferraum.
Dort holt er eine große Tüte heraus, die die Aufschrift einer
Fastfood- Restaurantkette trägt. "Hier das ist für Euch zur Stärkung",
ruft er uns zu. Bei dem Gedanken an die schwer im Magenliegenden
"Bremsklötze" lehnen wir das freundlich gemeinte Angebot ab.
Vermutlich würden wir nach dem Verzehr nur noch so ins Tal hinunterpurzeln,
und danach gerade schaffen, das Zelt aufzuschlagen.
Roland
zeigt auf den kleinen Jungen, der eine Sprung zur Seite gemacht
hat, als das Auto hielt, und machte den eleganten Herrn auf den Hungerleider
aufmerksam. Doch ohne ihn anzusehen oder nur eine Notiz von
ihm zu nehmen, steigt der feine Mann in sein Auto und fährt uns viel
Glück für die Fahrt wünschend fort.
Im Dienst der Menschen
Djibouti -
Wir
wohnten zwei Tage in der christlichen Mission in Arta. Als wir nach
Tadjoura aufbrachen, bat uns die Leiterin Béatrice, eine Kleinigkeit
für ihre dort lebende Freundin mitzunehmen. Es war winziges Ersatzteil für
deren Nähmaschine, säuberlich verpackt in einen Briefumschlag mit ihrem Namen.
Tadjoura
war ein kleiner Ort, und es war leicht, das Foyer, in dem die
Freundin wohnte und arbeitete zu finden. Fast jeder kannte sie.
Wir brauchten an das Tor nicht zu klopfen, es stand offen und als wir ihren
Namen nannten, winkte der Wächter uns in den Hof. Große Bäume säumten die
Gebäude und blühende Büsche füllten die Lücken in herrlichen Farben aus.
Die Türen zu verschiedenen Räumen standen weit offen, und wir sahen Mädchen
auf Schulbänken sitzen und schreiben. Als sie uns erblickten, erstrahlten
ihre Gesichter.
Dann
kam die Chefin. Sie begrüßte uns und freute sich über das Mitbrinsel.
Trotz betagteren Alters, sie war weit über 60, hatte die Frau eine
lebenslustige und tatkräftige Erscheinung. Sie lebte fast
ihr ganzes Leben schon in Tadjoura, es war wie ihr Zuhause, obwohl sie
ursprünglich aus Frankreich kam. Ehemals arbeitete sie als Krankenschwester,
doch seit langem schon leitete sie diese Mädchenschule, wo sie neben ihrer
Muttersprache auch andere Fächer lehrte. Die Frau liebte die Menschen hier,
und die Menschen lieben sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals irgend
woanders zu leben. Ihr Schicksal ist mit den Menschen hier für immer verwoben.

Verwandlung
Jemen -
Die
Mädchen lachten. Sie betrachteten mich. Eine spielte mit meinen
Haaren und begann nach meiner Zustimmung den Zopf aufzuflechten. Eine
andere deutete auf mein altes T-Shirt und die Hose. Sie zog ein langes,
buntes Kleid mit Spagghettiträgern aus dem Schrank. Ich nickte als
Zeichen der Einwilligung. So wurde die Türe des Frauenraums angelehnt,
und sodann begann die Verkleidung.
Fatiha
kämmte genüßlich mein Haar. "Jamil" - schön, rief sie immer
wieder begeistert aus. Ihre Schwester hatte ein Schminkköfferchen
ausgepackt und schickte sich an, alles für die vollkommene Verwandlung
vorzubereiten. Dies war jetzt etwas zu viel für meinen Geschmack und ich
schüttelte mit dem Kopf. Sofort wurde das Köfferchen geschlossen,
die Mädchen hatten Verständnis für meinen Wunsch und drängten
nicht weiter. Auch das extrem süße Parfun lehnte ich ab. So wurde ein
Topf mit qualmendem Weihrauch und anderen Essenzen gebracht. Das
Rauchgefäß wurde unter meinen Haarschopf und das Kleid gehalten.
Die Mädchen kicherten dabei unentwegt. Scheinbar hatten sie eine
Riesenfreude daran.
Als
die Zeremonie beendet war, wurde ich zur
Begutachtung zu Roland geschickt. Er verstand den Spaß und lachte
mit. Danach setzte ich mich wieder zu den Frauen. Die kleinen Mädchen
hatten nun genug Aufregung gehabt und verstreuten sich wieder im Haus.
Die Großen dagegen legten Musik auf, und wir begannen dazu zu tanzen.
Sie hatten einen Riesenspaß an meinen Versuchen, arabische Tanzbewegungen
nachzuahmen. Durch die Freude am Tanzen hatte ich ihre Herzen entgültig
gewonnen. Bei Fatiha war nun als Freundin akzeptiert.
Weg ins Ungewisse
Kenia -
Es
hatte die letzten Tage geregnet, und so war diese Piste nach Lokori
für Autos nicht passierbar. Es gab kilometerbreite, schlammige Flußtäler
zu durchqueren, bei denen man nur die Andeutung eines Weges erkennen
konnte. Treibsand überraschte uns, und im tiefen Sand ließen sich unsere
Räder nur mit großer Mühe weiterschieben.
Sand
und Akaziensträucher umgaben uns. Sonst gab es nichts. Nur die
weißflimmernde Sonne war unser treuer Begleiter, der das Wasser aus
unseren erschöpften Körpern saugte. Dank des Regens der letzten Tage
standen jedoch immer wieder kleine Pfützen in den Tälern.
Als
der Sand sich in Schotter verwandelte
tauchten hin und wieder bewegliche Punkte in der Landschaft auf.
Schellende Glöckchen waren zu hören. Und die Ziegenhirten staunten über
den Besuch in dieser Einöde. "Lokori?", fragten wir und zeigen in die
Richtung vor uns. "Lokori!", nickte de Mann, ein Lächeln huschte über
sein Gesicht. Jedes Mal, wenn wir einen Hirten fragten, erhielten wir
die gleiche Antwort und jedes Mal erschien der Ort wie eine Fata Morgana vor
unseren Augen. Doch Lokori kam und kam nicht.
Auf Jagd
Tansania -
Es
war ein feuchtkalter Tag, der Anfang der kleinen Regenzeit. Die Gepardin
genoß das Wetter nicht. Man konnte gerade ihren Kopf und den Hals in dem
hohen, nassen Gras erkennen. Gelangweilt starrte sie in die Ferne.
In unserem Fahrzeug wurde das Fernglas herumgereicht.
Dann
fesselte etwas ihre Aufmerksamkeit. Mehrere hundert Meter weiter
hatte sie eine Gazelle entdeckt. Eilig doch mit Bedacht bewegte sie
sich in diese Richtung vorbei an einem Straußenvogel, der kaum Notiz
von ihr nahm. Lauernd beobachtete sie die ahnungslose Antilope.
Langsam und vorsichtig näherte sie sich ihrer angedachten
Beute bis auf etwa 200 Meter, dann ging sie in Angriffsposition.
Obwohl
der Ngorongoro-Krater flach wie ein Teller war, bot das hohe, gelbe
Gras genügend Tarnung. Das grasende Tier hatte die Gefahr noch immer nicht
bemerkt. Als die Gepardin zum Lauf ansetzte, war es für die Gazelle bereits
zu spät. Mit fast doppelter Geschwindigkeit rannte die Großkatze auf ihre
Beute zu. Sekunden später war das Tier erlegt.
Heiße Nacht
Uganda -
Erst
gegen Mitternacht wird es im Capital Pub so richtig voll. An den
Bartischen und an der Theke stehen Bierflaschen, auch die hiesigen hochprozentigen
Getränke sind sehr beliebt. Ugander trinken viel. Aus den Lautsprechern
dröhnen afrikanische Rhythmen und die Tanzfläche ist gefüllt.
Kaum
jemand der hier alleine hinkommt, bleibt es auch während des Abends. Besonders
weiße Männer erfreuen sich großer Beliebtheit. Schon auf dem Weg zur
Theke werden sie mehrmals in die Seite gezwickt, wie zufällig streift
die eine oder andere Hand mal über den Po. Ein Blick in den Raum trifft lächelnde
Gesichter von schokoladenfarbenen Schönheiten.
"Musungu,
tanz mit mir", ein heißer Blick trifft den Neuankömmling. Auf der
Tanzfläche schmiegt sich die Eroberin eng an ihren Fang, doch das hindert andere
Jägerinnen nicht, ihr Glück zu versuchen. Von hinten dringen weitere Aufforderungen
zum Tanz an seine Ohren. Sehnsucht spiegelt sich in den Gesichtern dieser Frauen.
Fast jede will einen Musungu haben, gern fürs Leben aber erstmal für ein kleines Abenteuer.
Erinnerungen
Ruanda -
Auf
den in der Kirche aufgestellten Regalen reihten sich unzählige
Menschenschädel, große Erwachsenenschädel und kleine von Kindern.
Manche wiesen Bruchstellen auf, Spalten, die von niederfahrenden Macheten
verursacht wurden. Die Kirche war ein düsterer Ort. Am anderen Ende, hinter
dem Altar lagen noch mehr zu Haufen zusammengescharrte Schädel und
Knochen.
Jean
Baptiste führte uns in einen Schuppen des Kirchengeländes. Auf dem
Boden stapelte sich dort alte Kleidung von Tausenden von Menschen. Daneben
befand sich ein Raum, in der Menschen lebendig verbrannt wurden.
Bei
den wenigen Verbliebenen ist die
Erinnerung an den schrecklichen Genozid vor 13 Jahren heute
noch hellwach. Viele sind die einzigen Verbliebenen ihrer großen
Familien. Nur ein Glücksfall hatte sie damals vor dem Tod gerettet.
Heute müssen sie mit der Erinnerung an das grausame Schicksal
ihrer Verwandten weiterleben.
An Bord
Tansania -
"Volle
Kraft, volle Kraft!" schallte es aus der Dunkelheit. Der Umriß eines Bootes
tauchte unweit der Liemba auf. Wasser schäumte vor dem Bug. Zwölf schwarze Männer bewegten ihre Paddel in schnellen, rhythmischen Stechbewegungen. Ihre
anfeuernden Rufe dröhnten über das Wasser. Mit muskulösen Oberarmen
trieben sie das Boot mit der Liemba gleichauf.
Auf dem Boot stapelten sich Holzkisten, Säcke mit Fisch und andere Ladung.
Darauf, daneben und dazwischen eingezwängt saßen Menschen, die auf das
Passagierschiff wollten.
Weitere
Boote tauchten aus der Nacht auf. Das Getümmel und Geschrei wurde immer
größer. Matrosen der Liemba dirigierten die Fischerboote, winkten
eins nach dem anderen an das große Schiff heran. Taue wurden ausgeworfen, um den
Bootsmännern das Festmachen ihrer Gefährte zu ermöglichen. An den Armen
zerrend und an den Hinterteilen schiebend half man den neuen Passagieren an Deck.
Danach wurde die Ladung, von hitzigen Zurufen begleitet, hinaufmanövriert.
Es
verging fast eine Stunde, bis alle Fracht und Passagiere auf- und abgeladen
waren und das große Schiff sein Horn zur Abfahrt ertönen ließ.
Die letzten Boote glitten ruhig zurück zu den Dörfern am Ufer,
und die Liemba steuerte zu ihrem nächsten Haltepunkt.
Vollmond
Sambia -
'Rauch,
der donnert', heißen die Viktoriafälle in der Sprache der Einheimischen.
Als ich versonnen auf das Naturschauspiel blickte, verstand ich, wie sich Mythen
darum ranken konnten.
Ahnungslos floß vor mir der in der Ebene aufgefächerte Strom des Sambesi auf die scharfe Abbruchkante zu, bevor er jäh in die Schwindel erregende Tiefe stürzte. Die
gewaltigen Wassermassen prallten mit einem dumpfen Grollen in die steinigen Abgründe
der Schlucht. Enorme Gischtwolken quollen ohne Unterlaß nach oben, so als ob
sie sich an der Kante der Klamm hochzuziehen versuchten.
In
der Nacht tauchte der bleierne Widerschein des Vollmonds das Spektakel in eine
märchenhafte Aura. Sterne glitzerten am schwarzen Firmament, während Mars
und Venus sich zu einem Rendezvous trafen. Der Vollmondregenbogen, der hier über
den Nebelwolken der Fälle aufstieg, gab dafür einen würdigen Rahmen.
In
allen Farben leuchtete der Lichterbogen über der Schlucht und der Brücke,
die einen Taldurchbruch überspannte. Andächtig schauten
die wenigen, nächtlichen Besucher zum Himmel. Mancheiner versuchte, dieses
Naturwunder in seine Kamera zu bannen, um eine bleibende Erinnerung daran
mitzunehmen.

Tiere
Botsuana -
Das
Boot glitt hinaus in den Park, und schon bald konnte man die ersten
Tiere erblicken. Büffel, die zufrieden am Rand des Wassers grasten, Krokodile,
die unbeweglich, fast unsichtbar am Ufer lagen, Flußpferde, deren Rücken wie
runde Felsen aus dem Wasser ragten. Elefantenfamilien kamen zum Wasser,
und einzelne Bullen nahmen ein Bad in Kauf, um zur anderen Flußseite zu
gelangen.
Mit
ihren Kameras fingen die Ausflügler die Tiere
in der malerischen Flußlandschaft ein, die selbst in der bereits anhaltenden
Trockenzeit grün und üppig war. In den goldenen Strahlen der Abendsonne legte
sich ein märchenhafter Zauber über die Auen und das sie umspielende, glitzernde
Wasser. Viele Tiere blieben auch über Nacht am Fluß. Die Schlangenhalsvögel
hatten bereits ihren Schlafplatz auf knorrigen Ästen eingenommen, die aus
dem langsam fließenden Strom ragten.
Bei Buschleuten
Namibia -
Wir
wurden bei der Familie willkommen geheißen, und so stellten wir unser Zelt
für eine Nacht dazu. Es gab
keinen Zaun, der den Wohnbereich abgrenzte, doch das Gras war säuberlich von
dem Platz entfernt. In der Mitte befand sich die Feuerstelle, an der man
sich zum Essen und allabendlichen Beisammensein traf. Gerade jetzt im Winter
waren die Abende kalt, und die flackernden Flammen des Feuers sorgten für
wohlige Wärme.
So
saßen Große und Kleine in der Runde, und da es keine Unterhaltung von
außen gab, sorgte man selbst für etwas Abwechslung. Mit lebhaften Gesten
teilten sie sich gegenseitig die Erlebnisse und Kuriositäten des Tages mit,
so als wenn sie gerade eine kleine Theatervorführung präsentierten.
Für uns ungewöhnliche Schnalz- und Klicklaute durchzogen wie ein Band
die so eigenwillige Sprache, deren Schall in der stillen Nacht vibrierte.
Die durch das Feuer erhellten Gesichter strahlten, und immer wieder hörte
man schallendes Gelächter in der Runde.
Erst
spät am Abend legte man sich zur Ruhe. Die Scheite wurden etwas aus der Glut
gezogen, das Feuer jedoch nicht gelöscht, damit es am Morgen schnell wieder Wärme
spenden konnte. Die Buschleute brauchten diesen Ort des Zusammentreffens.
